Die Aumühle ist eine der ersten Oberurseler Mühlen; sie wird 1649 als eine von zwei Getreidemühlen erwähnt, die den Dreißigjährigen Krieg überstanden haben. Unter dem Druck der abnehmenden Wirtschaftlichkeit des Getreidemahlens wechselt sie mehrmals den Besitzer bis sie 1904 in den Besitz der heutigen Eignerfamilie gelangt und nun Industriemühle wird.

Die Aumühle nach 1904

Der Unternehmer Franz Müller, Ur-Urgroßvater der aktuell jüngsten Generation, rüstete die Mühle so um, dass eine von ihm konstruierte und international patentierte Lederschneidemaschine mit der Wasserkraft des Oberurseler Mühlgrabens betrieben werden konnte. Damit wurde die Aumühle zunächst der deutsche Standort der Greaves Lederschuhriemenfabrik / Sheffield, kurze Zeit später selbständig als Franz Müller & Sohn Femso-Werk – im örtlichen Volksmund auch der „Schnierrieme-Miller“. Die Antriebstechnik aus dieser Zeit ist heute noch installiert. Mehrere Zahnräder und Wellen übertrugen die Wasserkraft des Mühlrades aus dem Wasserhaus in das Erdgeschoss der Mühle, wo die Maschinen zum Schneiden der Häute standen. Teile dieser Anlagen werden nach der Sanierung der Aumühle sichtbar sein – eine große Antriebswelle an der Decke des Erdgeschosses etwa wird den öffentlichen Eingangsbereich mit dem Gemeinschaftsraum des Altenwohnens verbinden.

Antriebstechnik zur Ledervervarbeitung mit Wasserkraft

Umgeben war die Aumühle damals von einer parkähnlichen Gartenanlage mit zwei Bachläufen, zwei Teichen, Rosengärten. Der Obstgarten aus der Gründerzeit wird auch nach der Sanierung noch erhalten sein. Nachdem in der 2. Generation der Sohn des Gründers, Hugo Müller, das Unternehmen durch zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise führen konnte, wagt sein Sohn, Franz Herrmann Müller, Chemiker, den Technologiesprung zur Fertigung von Profilen, Schläuchen und Rohren aus thermoplastischen Kunststoffen. Mit dem Nachkriegsaufschwung wächst die Firma FEMSO schnell auf über 40 Mitarbeitende an und erlangt durch ihre Innovationskraft und Verlässlichkeit bei Spezialanfertigungen einen deutschlandweiten Ruf. Das ursprüngliche Mühlengebäude mit Anbau wird im Zuge dieses Wachstums um einige Anbauten erweitert. Im Jahr 1963 schließlich erreicht mit dem Bau einer großen Fertigungshalle im hinteren Bereich des Grundstücks der Bestand seinen heutigen Umfang.

Die nun anstehende Sanierung wird die historische Mühle sowie die Fertigungshallen als zentrale Bestandselemente erhalten. Den zeitgemäß sanierten Räumen für Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaftsaktivitäten des alten Mühlengebäudes werden harmonisch eingebettete „Zitate“ aus der frühindustriellen Zeit eine spannende individuelle Prägung geben. Die moderne Wohnnutzung durch Familien- und Loftwohnungen belebt den industriellen Charme der Fertigungshallen neu. Erhalten bleiben auch die zwei Wasserläufe auf dem Gelände, die mit ihren Bachbetten und Mauern aus Ziegeln der Grünanlage einen besonderen Charme verleihen.